Archiv des Autors: Tom Wohlfarth

Von Tauben und Bettlern

Weil es so gut zum Thema des letzten Beitrags passt, hier noch ein ganz kleiner älterer Text vom vergangenen Sommer:

Heute morgen, unter der S-Bahn-Brücke Neukölln, steht ein alter Mann, vermutlich türkischer oder arabischer Herkunft, halb auf seinen Stock gestützt, halb seitlich an die Wand gelehnt und wirft, wie verstohlen, aber vor aller Augen und über den gesamten Gehsteig aus einer Plastiktüte viel zu große Brotstücke für eine Taube an den Straßenrand. Zehn Meter weiter sitzt, heute wie jeden Tag, eine Obdachlose und bettelt um Essen und Geld. Der Mann sieht direkt in ihre Richtung. Selbst wenn man die ökologische Problematik des Taubenfütterns nicht kennt, könnte man diese Szenerie kaum absurder finden: Brot für ohnehin schon hoffnungslos eutrophierte Tauben, die den öffentlichen Raum zuscheißen, während ein Mensch daneben hungert.
Als ich an der Ampel stehe, sehe ich, dass der Mann jetzt in Richtung der Bettlerin geht. Ich bleibe stehen und warte, was passiert. Er geht nicht vorbei. Er spricht mit ihr. Und dann gibt er ihr die ganze Tüte Brötchen. Auch wenn man ihm das mit den Tauben nochmal erklären muss (und hier wäre natürlich zum Beispiel ich der in der Pflicht stehende, trotzdem vorbeigehende Arsch), ist die Hoffnung für die Menschheit noch nicht ganz verloren.

Die Glaubwürdigkeit des Bittstellers

Glaubwürdig?

Glaubwürdig?

Neulich sprach mich auf einem Bahnsteig am Berliner Hauptbahnhof jemand an. Ich stellte mich auf einen der üblichen Bittsteller ein (die ich für gewöhnlich abweise, teilweise aus diesen Gründen). Da aber seine erste Frage lediglich war, ob ich Englisch spreche, wollte ich zumindest diese Frage nicht verneinen. Er darauf: „O thank God! Everybody else just says no.“ Dann entschuldigte er sich dafür, dass er schrecklich aussehe. Und das tat er einigermaßen, aber nicht wie jemand, der auf der Straße lebt, sondern eher wie einer, der gerade wirklich unter akutem Stress steht. Er hatte sogar Schweißperlen auf der Nase.

Dann begann er mir zu erzählen, Weiterlesen

Weltblatt mit Schmerz. Die Huffington Post über ‚ziemlich krasse‘ Städte

München: Weltstadt mit Schmerz?

Weil es ja nicht immer so ernst zugehen muss. Und weil es auch einfach immer noch Spaß macht, sich über die deutsche Huffington Post zu amüsieren. Zunächst einmal allerdings, weil ich dort zum ersten Mal auch einen guten Artikel entdeckt habe. Inhaltlich sind die 15 hässlichen Wahrheiten über München zwar weitgehend eine überspitzte und daher nicht vollkommen ernstzunehmende Polemik. Aber dagegen spricht ja nichts, wenn es gut gemacht ist. Und ehrlich gesagt, war so ein München-Bashing doch überfällig. (Als gebürtiger Münchner und ansonsten München-Liebhaber darf ich das doch sagen, oder?) Klar ist es nicht überall gut gemacht. Und es ist auch einiges an Unsinn dabei. Spätestens der zweite Punkt aber hat satirische Schlagkraft. Demnach ist „das größte Kompliment, das die Münchner ihrem München machen: ‚Man ist schnell draußen’“. Die Ironie in dieser zutreffenden Feststellung wird zu Recht konstatiert und sogar historisch verortet.

Was an diesem Artikel alles nicht so ganz stimmt, haben die Leserkommentare zusammengetragen. Aber Weiterlesen

„Hilft Kiffen gegen Kommunikationsstörung?“

cannabis-151920_1280Das frage ich mich in meinem ersten Beitrag für demokratiEvolution, das Blog von denkzentrum|demokratie. Es geht um Gefährdungen der Demokratie, TTIP, Stuttgart 21, verfassungswidrige Fahrverbote und einmal wieder um Hartz IV. Viel Spaß!

Wer sich übrigens fragt, warum auf meinem Blog schon länger nichts mehr passiert ist, darf sich demnächst auf mein erstes Buch freuen, dessen Druckfassung ich gerade noch Korrektur lese. Es geht darin um „Genie in der Kunst des Lebens“. Man darf gespannt sein!

„If only Bradley’s arm was longer“ – Das Selfie zwischen Narzissmus und Gemeinschaftsstiftung

Bild im Bild - Ein Rekord wird gemacht

Bild im Bild – Ein Rekord wird gemacht

Das Selfie darf wohl als ein perfekter Ausdruck unserer narzisstischen Gesellschaft gelten. Wir brauchen kein Gegenüber mehr, das uns ansehen und fotografieren mag; es reicht, wenn wir uns selbst ansehen und fotografieren. Und irgendwer im weltweiten Gewebe wird uns dann schon auch noch sehen, ob er mag oder nicht. Doch womöglich ist unser Narzissmuss eine Erbschaft aus Urzeiten. Denn derzeit wird anhand des Selfies eines Affen unter anderem die Frage diskutiert, ob Tiere ein Urheberrecht haben können. Dabei dürfte die Handvoll gelungener Bilder aus mehreren hundert unscharfen, die 2011 ein Schopfmakake im indonesischen Urwald mit der Kamera des Fotografen David Slater geschossen hatte, Zufallstreffer gewesen sein. Posiert hätten die Affen laut Slater trotzdem. (Eindeutig in Pose werfen sich übrigens die Menschen, die Selfies im KZ machen.)

Zurück zu unserer Spezies, Weiterlesen

Hartz Gier? Lächerlich!

Geld wird bei Angriff zerstört!

Hartz Geiz? Kassenautomat in einem Jobcenter in Berlin – Fotografieren verboten!

Es ist ja nichts neues, dass einen manches aus den Erzeugnissen der einschlägigen Medienimperien wirklich wütend machen kann. Aber ab und zu muss man dann doch nochmal darauf hinweisen: etwa anlässlich eines Artikels des Focus, den ich einmal wieder beim Presseverwurster Huffington Post entdeckt habe. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens zunächst, dass die deutsche Ausgabe der im Herkunftsland USA als linksliberal geltenden Onlinezeitung in Zusammenarbeit eben mit Focus Online erscheint, den man wohl eher einem anderen politischen Spektrum als dem Linksliberalen zuordnen muss. Das verdeutlicht auch besagter Artikel mit dem charakteristischen Titel Hartz Gier: So dreist zocken Lehrer, Politiker und Juristen den Sozialstaat ab. Man fühlt sich erinnert an die hässliche Bild-Zeitungskampagne gegen „Florida-Rolf“, deren traurige Konsequenzen den Staat letztlich mehr kosteten, als sie ihm einsparten.

Die aktuelle Einlassung nun Weiterlesen

„Tom Wohlfarth fordert die Abschaffung des Journalismus!“

Es ist doch immer wieder spannend zu sehen, wie einige Arten von Journalismus funktionieren. Im Gespräch mit dem Spiegel etwa äußerte kürzlich Margot Käßmann einen utopischen Wunsch: „Ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik auf eine Armee verzichten könnte wie etwa Costa Rica.“ Ihr sei aber zugleich auch selbst klar, dass dieser Wunsch momentan utopisch sei. Aus einer also bewusst utopischen Wunschäußerung macht der Spiegel dann ein Aussprechen „für eine Abschaffung der Bundeswehr“. Einige andere Medien, etwa der NDR, verschärfen das ‚Aussprechen‘ zu einem ‚Fordern‘; die Huffington Post stellt noch einen Käßmann disqualifizierenden Satz an den Anfang – den einzigen, den man dann im Facebook-Posting, dem üblichen Verbreitungskanal, noch sehen wird – (den Rest schreibt auch sie natürlich einfach ab), und tadaa: Alle diskutieren nur noch über die Überschrift, die mit dem tatsächlich zitierten Käßmann-Wortlaut nicht mehr viel zu tun hat. Aber Hauptsache, man kann sich sofort darüber aufregen.

Dabei ist Käßmanns Wunsch, so unrealistisch er erklärtermaßen sein mag, ALS bloßer Wunsch doch völlig naheliegend. Würden wir uns nicht alle eine Welt ohne Kriege WÜNSCHEN? Man kann das tun und gleichzeitig GEGEN eine Abschaffung der Bundeswehr argumentieren. So habe ich es etwa neulich gegenüber einer Freundin getan. Sie fordert nämlich tatsächlich die Abschaffung der Bundeswehr, ich kenne also den Unterschied.

Und man kann schließlich auch Jounalismus kritisieren, ohne gleich seine Abschaffung fordern zu müssen. Oder?

Von Nebenformen menschlicher Geisteskrankheit

Jäger oder Gejagte? © ZDF

Jäger oder Gejagte? © ZDF

Da mich mein aktueller Artikel noch eine Weile beschäftigen wird, hier ein etwas älterer Text. Der Aufhänger ist nicht mehr ganz aktuell, das Thema umso mehr.

Neulich wurde ich Zeuge, wie ein ehemaliger Klassenkamerad einer gemeinsamen Facebook-Freundin diese Freundschaft in aller Öffentlichkeit gekündigt hat. Grund war ihr Posting einer Petition gegen „tendenziöse Berichterstattung beim ZDF“ anlässlich einer kritischen Dokumentation über den Jägerstand. Sie trug den Titel „Jäger in der Falle“ und prangerte vornehmlich die angeblich gängige Praxis unter Jägern an, Wildtiere gezielt anzufüttern, um eine bessere Jagdtausbeute zu erzielen, und dadurch den Regulierungsauftrag zu unterlaufen. Laut Petition habe der Beitrag gegen die staatsvertragliche Verpflichtung des öffentlich-rechtichen Rundfunks zu objektiver, ausgewogener Berichterstattung sowie gegen die Sorgfaltspflicht gemäß Pressekodex verstoßen. Für unseren tierrechtsaktiven Klassenkameraden aber sind Jäger objektiv „Lustmörder“ und er könne mit niemandem „befreundet“ sein, der das anzweifelt. Seine Sicht belegte er mit einem Zitat von Theodor Heuss: „Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf. Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit.“ Wie man über das erste Google-Suchergebnis auf Wikiquote feststellen kann, ist dieses Zitat verfälscht. Nur der zweite Satz stammt von Heuss, er lautet vollständig: „Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit, von der ich nie befallen war.“ Der erste Satz des montierten Zitats aber sei „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Erfindung eines Tierrechtsaktivisten“.

Mir scheint nun aber Weiterlesen

Spaßbremsen und Ersatzreligionen

Gauchos

So *gähn* die Gauchos

Mein erster Blog-Eintrag hier nun also doch noch zur WM. Denn ja, Fußball ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und damit auch die Diskussion über Fußball. Und auch die Kritiker des ‚großen Wir-Gefühls‘ haben ihr eigenes Wir. Es ist wahr, einige von ihnen haben dann durchaus etwas von ‚Spaßbremsen‘. Wer sich dann etwa auch noch ernsthaft über die Musikauswahl auf einer Fußball-Meisterfeier aufregt (die ich im betreffenden Fall übrigens auch beschissen finde, aber meine Meinung ist hier wie in vielem leider zu Recht nicht von Belang), sollte doch bitte lieber vorher abschalten.

Aber es ist leider auch völlig zutreffend, dass das große Wir im Feierrausch auch zur Ausgrenzung neigt, wenn schon nicht von Gauchos, so doch zumindest von denen, die es wagen, das Wir-Gefühl zu hinterfragen. Denn nur so lassen sich wohl die gigantischen Shitstorms auf kritische Berichte etwa der FAZ und der taz von der Feier in Berlin erklären. (Ausgrenzung ist übrigens nicht nur, wie Frank Lübberding richtig bemerkt, ein Merkmal nationalistischer, sondern auch vieler religiöser Gemeinschaften.) Klar wird da auf beiden Seiten übertrieben. Und wenn zwar der Gaucho-Tanz einiger Nationalspieler ein Millionen- oder gar Milliarden-Publikum erreicht hat, kann man doch ihnen selbst den Ausrutscher nicht wirklich vorwerfen. Aber Kritik an DFB-Verantwortlichen und an der gnadenlosen Kommerz- und (Polit-)Marketingausschlachtung eines solchen Events darf man sich auch von berufsbedingt leider bisweilen übertreibenden Journalisten schon mal anhören.

Denn Weiterlesen