Spaßbremsen und Ersatzreligionen

Gauchos

So *gähn* die Gauchos

Mein erster Blog-Eintrag hier nun also doch noch zur WM. Denn ja, Fußball ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und damit auch die Diskussion über Fußball. Und auch die Kritiker des ‚großen Wir-Gefühls‘ haben ihr eigenes Wir. Es ist wahr, einige von ihnen haben dann durchaus etwas von ‚Spaßbremsen‘. Wer sich dann etwa auch noch ernsthaft über die Musikauswahl auf einer Fußball-Meisterfeier aufregt (die ich im betreffenden Fall übrigens auch beschissen finde, aber meine Meinung ist hier wie in vielem leider zu Recht nicht von Belang), sollte doch bitte lieber vorher abschalten.

Aber es ist leider auch völlig zutreffend, dass das große Wir im Feierrausch auch zur Ausgrenzung neigt, wenn schon nicht von Gauchos, so doch zumindest von denen, die es wagen, das Wir-Gefühl zu hinterfragen. Denn nur so lassen sich wohl die gigantischen Shitstorms auf kritische Berichte etwa der FAZ und der taz von der Feier in Berlin erklären. (Ausgrenzung ist übrigens nicht nur, wie Frank Lübberding richtig bemerkt, ein Merkmal nationalistischer, sondern auch vieler religiöser Gemeinschaften.) Klar wird da auf beiden Seiten übertrieben. Und wenn zwar der Gaucho-Tanz einiger Nationalspieler ein Millionen- oder gar Milliarden-Publikum erreicht hat, kann man doch ihnen selbst den Ausrutscher nicht wirklich vorwerfen. Aber Kritik an DFB-Verantwortlichen und an der gnadenlosen Kommerz- und (Polit-)Marketingausschlachtung eines solchen Events darf man sich auch von berufsbedingt leider bisweilen übertreibenden Journalisten schon mal anhören.

Denn wenn eine scheinbar so unbändige Freude eines so großen Wir von ein paar Schreiberlingen so empfindlich gestört werden kann, ist mit dieser Freude vielleicht wirklich etwas nicht ganz in Ordnung. Wenn man zum Beispiel während der Fußball-WM bei einem beliebigen Public Viewing sitzt, selbst noch bei dem im Deutschen Theater in Berlin, kann zumindest ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es in der explosionsartigen Entladung nach einem besonders gespannt erwarteten, ja flehentlich ersehnten Tor wirklich nur um die sportliche Anspannung geht, die sich etwa während des dritten Gruppenspiels der deutschen Mannschaft gegen Algerien aufgebaut hat. Immerhin besser, man lässt es hier raus als anderswo.

Darüberhinaus macht allein die Tatsache, dass despektierliche Fangesänge auch im Stadion gesungen werden, diese nicht sympathischer. Und auch wenn es toll ist, dass sich die meisten Deutschen mal freuen und aus sich herausgehen, kann man es doch bedenklich oder zumindest unnötig finden, wenn viele Feierer am Sonntag bewusst fahrlässig Feuerwerkskörper in überfüllten Bahnhofshallen zünden oder in einem ebenso überfüllten S-Bahn-Waggon ohne Rücksicht auf Verluste beim Singen und Hüpfen mutwillig die Plastikabdeckungen kaputthämmern. Der deutsche Emotionshaushalt wirkt da wahrlich oft alles andere als ausgeglichen, und Fußball ist dabei nur ein Notventil. Wie gesagt, immerhin.
Aber wenn Jakob Augstein das Schlachtenpathos im deutschen Fußball gleich zur Gefahr eines neuen militärischen Nationalbewusstseins stilisiert, scheint er zu übersehen, dass gerade in Europa der Fußball in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg ein wohl eher sinnvolles Ventil für Überreste nationaler Aggressionen war. Dass diese noch immer und immer wieder existieren, und dass die Menschen auch in einem der „reichsten“ Länder der Welt noch immer genug andere Gründe für Aggressionen haben, ist nun wirklich nicht die Schuld des Fußballs.

Ein schönes Gegengewicht zum aggressiven Feiern bildete es übrigens, als in eben jenem beschriebenen S-Bahn-Wagen ein stämmiger deutscher Bär im DFB-Trikot und ein schmächtiger israelischer Argentinienfan sich herrlich ungeniert auf Englisch darüber unterhielten, dass sie gerne Schwänze lutschen, während der Bär noch ständig fröhlich ihm fremde Radaumacher abklatschte.

Ja, auch ich dachte Sonntag Nacht im Siegesrausch noch so etwas wie: ‚Jetzt ist doch alles möglich in diesem Land‘. Aber das denke ich ja meist auch so und immer noch, auch ohne dass die vielleicht beste und sympathischste Herren-Fußballnationalmannschaft, die Deutschland je hatte, endlich die Weltmeisterschaft gewinnt. Doch, in Anlehnung an den Namen eines hier zitierten Blogs, muss man leider zugleich feststellen, wie es auch aussieht in Deutschland: Millionen scheinen sich für ihren (nach wie vor vielleicht ja von uns allen irgendwie benötigten) Religionsersatz weder am vollkommen durchkommerzialisierten Charakter angeblich „ihrer“ Feier noch an despektierlichen Fangesängen zu stören. Bei der Fußball-WM kommen eben gleich mehrere Ersatzreligionen zusammen: neben Fantum, Patriotismus und Eventsucht eben auch der Kapitalismus. (Kein Wunder übrigens, dass sich die WM-Ergebnisse recht gut nach dem Marktwert der Spieler voraussagen lassen.)

Aber solange Kritiker bei aller berechtigten Kritik in ihrer Übertreibung auch als Spaßbremsen auftreten, wird sich daran leider nicht so leicht etwas ändern.

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