Archiv für den Monat Juli 2014

Von Nebenformen menschlicher Geisteskrankheit

Jäger oder Gejagte? © ZDF

Jäger oder Gejagte? © ZDF

Da mich mein aktueller Artikel noch eine Weile beschäftigen wird, hier ein etwas älterer Text. Der Aufhänger ist nicht mehr ganz aktuell, das Thema umso mehr.

Neulich wurde ich Zeuge, wie ein ehemaliger Klassenkamerad einer gemeinsamen Facebook-Freundin diese Freundschaft in aller Öffentlichkeit gekündigt hat. Grund war ihr Posting einer Petition gegen „tendenziöse Berichterstattung beim ZDF“ anlässlich einer kritischen Dokumentation über den Jägerstand. Sie trug den Titel „Jäger in der Falle“ und prangerte vornehmlich die angeblich gängige Praxis unter Jägern an, Wildtiere gezielt anzufüttern, um eine bessere Jagdtausbeute zu erzielen, und dadurch den Regulierungsauftrag zu unterlaufen. Laut Petition habe der Beitrag gegen die staatsvertragliche Verpflichtung des öffentlich-rechtichen Rundfunks zu objektiver, ausgewogener Berichterstattung sowie gegen die Sorgfaltspflicht gemäß Pressekodex verstoßen. Für unseren tierrechtsaktiven Klassenkameraden aber sind Jäger objektiv „Lustmörder“ und er könne mit niemandem „befreundet“ sein, der das anzweifelt. Seine Sicht belegte er mit einem Zitat von Theodor Heuss: „Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf. Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit.“ Wie man über das erste Google-Suchergebnis auf Wikiquote feststellen kann, ist dieses Zitat verfälscht. Nur der zweite Satz stammt von Heuss, er lautet vollständig: „Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit, von der ich nie befallen war.“ Der erste Satz des montierten Zitats aber sei „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Erfindung eines Tierrechtsaktivisten“.

Mir scheint nun aber Weiterlesen

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Spaßbremsen und Ersatzreligionen

Gauchos

So *gähn* die Gauchos

Mein erster Blog-Eintrag hier nun also doch noch zur WM. Denn ja, Fußball ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Und damit auch die Diskussion über Fußball. Und auch die Kritiker des ‚großen Wir-Gefühls‘ haben ihr eigenes Wir. Es ist wahr, einige von ihnen haben dann durchaus etwas von ‚Spaßbremsen‘. Wer sich dann etwa auch noch ernsthaft über die Musikauswahl auf einer Fußball-Meisterfeier aufregt (die ich im betreffenden Fall übrigens auch beschissen finde, aber meine Meinung ist hier wie in vielem leider zu Recht nicht von Belang), sollte doch bitte lieber vorher abschalten.

Aber es ist leider auch völlig zutreffend, dass das große Wir im Feierrausch auch zur Ausgrenzung neigt, wenn schon nicht von Gauchos, so doch zumindest von denen, die es wagen, das Wir-Gefühl zu hinterfragen. Denn nur so lassen sich wohl die gigantischen Shitstorms auf kritische Berichte etwa der FAZ und der taz von der Feier in Berlin erklären. (Ausgrenzung ist übrigens nicht nur, wie Frank Lübberding richtig bemerkt, ein Merkmal nationalistischer, sondern auch vieler religiöser Gemeinschaften.) Klar wird da auf beiden Seiten übertrieben. Und wenn zwar der Gaucho-Tanz einiger Nationalspieler ein Millionen- oder gar Milliarden-Publikum erreicht hat, kann man doch ihnen selbst den Ausrutscher nicht wirklich vorwerfen. Aber Kritik an DFB-Verantwortlichen und an der gnadenlosen Kommerz- und (Polit-)Marketingausschlachtung eines solchen Events darf man sich auch von berufsbedingt leider bisweilen übertreibenden Journalisten schon mal anhören.

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