Die Glaubwürdigkeit des Bittstellers

Glaubwürdig?

Glaubwürdig?

Neulich sprach mich auf einem Bahnsteig am Berliner Hauptbahnhof jemand an. Ich stellte mich auf einen der üblichen Bittsteller ein (die ich für gewöhnlich abweise, teilweise aus diesen Gründen). Da aber seine erste Frage lediglich war, ob ich Englisch spreche, wollte ich zumindest diese Frage nicht verneinen. Er darauf: „O thank God! Everybody else just says no.“ Dann entschuldigte er sich dafür, dass er schrecklich aussehe. Und das tat er einigermaßen, aber nicht wie jemand, der auf der Straße lebt, sondern eher wie einer, der gerade wirklich unter akutem Stress steht. Er hatte sogar Schweißperlen auf der Nase.

Dann begann er mir zu erzählen, dass ihm auf dem Weg von England nach Frankfurt (Main) bei einem einstündigen Busstop in Amsterdam sein Rucksack geklaut worden war, in dem neben allen Wertsachen auch das Busticket gewesen sei, und er folglich nicht habe weiterreisen können. Das war natürlich schon die erste Ungereimtheit in der Geschichte. Aber er erzählte sie so schnell, dass ich nicht wirklich Zeit hatte, über dieses Detail nachzudenken, auch wenn ich selbst noch auf keiner nationalen oder internationalen Busfahrt nach einer kurzen Pause mein Ticket noch einmal zeigen musste. Aber er hatte schon längst weitererzählt, dass er nun also, da er in Amsterdam ohne Ticket nicht wieder in den Bus habe einsteigen können, das große Glück gehabt habe, mit einem netten Deutschen im Auto nach Berlin mitfahren zu können, weil er dann ja wenigstens schon einmal in Deutschland sein würde und von überall in Deutschland aus sicher besser nach Frankfurt würde kommen können als von Amsterdam aus. Ihm dürfte also weder die Geographie noch die Infrastruktur von Kontinentaleuropa bekannt gewesen sein – und seinem netten Fahrer auch nicht. Worum er mich nun aber bat, waren 19,99 Euro (!) für ein Busticket nach Frankfurt und meine Telefonnummer, damit er mir das Geld zurücküberweisen könne. „I’d be very happy to surprise you with the money tomorrow morning.“

Natürlich schien mir seine Geschichte etwas unglaubwürdig, ich fragte auch das eine oder andere Detail nach. Aber wenn man so eine Geschichte einmal gehört hat – und sie war zumindest nicht unglaubwürdig vorgetragen, ich habe dem Erzähler seinen Stress geglaubt –, dann reagiert man doch – ich jedenfalls in diesem Moment –  instinktiv weniger mit Skepsis als mit Mitgefühl. Vor allem wenn man am selben Ort schon einmal selbst in einer ähnlichen Situation gewesen ist. Ich wusste aber auch, dass ich nur noch zehn Euro in der Tasche hatte. Also sagte ich, dass ich ihm die Geschichte nicht wirklich abkaufe, aber dass ich jetzt doch zumindest gespannt sei, ob ich mein Geld wiedersehen würde. Das ist in der Rückschau natürlich eine ziemlich widersprüchliche Aussage, aber unter der menschlichen Anrufung an mein Mitgefühl waren diese Widersprüche überdeckt von der wie auch immer geringen Aussicht, vielleicht tatsächlich jemandem helfen zu können. Auch dass er dann nicht einmal etwas vorbereitet hatte, um meine Nummer aufzuschreiben, und dann im Stress meines schon einfahrenden Zuges, noch schnell ein Stück von einer McDonalds-Tüte, die aus dem Abfall ragte, riss und, während ich mit meinem immer griffbereiten Kugelschreiber meine Handynummer daraufschrieb, die Zugtür für mich aufhielt, – auch diese scheinbare Unvorbereitetheit spricht bei einem unter Stress Stehenden doch sogar noch eher für seine Story, oder zumindest für deren Ausgereiftheit wenigstens in diesem Punkt.

Natürlich habe ich bisher kein Geld wiederbekommen. Aber die Frage bleibt doch: Wie kann ich wissen, wann jemand wirklich (meine) Hilfe braucht? Nun, in diesem Fall ist es wohl recht einfach: Wer so blöd ist (oder wohl besser: Wer so blöd wäre), den Weg von Amsterdam nach Frankfurt am Main über Berlin zu nehmen, hat es vielleicht nicht anders verdient, als dann eben von dort aus zum Beispiel trampen zu müssen (das geht in Deutschland übrigens nach wie vor recht gut) und so eventuell einen Tag später in Frankfurt anzukommen. Ich hätte ihm auch gerne dabei geholfen, eine geeignete Stelle zum Trampen zu finden. Warum er aber gar so dringend nach Frankfurt zu müssen schien, hat er übrigens nicht gesagt. Und auch was er eigentlich noch am Hauptbahnhof machte, wenn er doch vom ZOB mit dem Bus fahren wollte, leuchtet nicht unmittelbar ein. Direkt vor Ort hätte er doch wohl weitaus bessere Chancen gehabt, seine Geschichte glaubhaft zu machen, etwa indem er einen grundsätzlich hilfsbereiten Zweifler direkt das Ticket kaufen lässt.

Man sieht (ich sehe), es gibt also durchaus sicherere Weisen zu helfen, sei es durch Auskünfte, praktische Hilfe oder auch finanziell. Was mich aber in jener Situation – abgesehen von meiner auch spielerischen Bereitschaft, es zumindest dieses einmal darauf ankommen zu lassen (und auch abgesehen von meinem einfahrenden Zug) – auch ein wenig unter Handlungsdruck hat fühlen lassen, war die äußerlich sichtbare Dringlichkeit, die mein Gegenüber glaubhaft ausgestrahlt hat und die mich meine Fragen nach der Plausibilität seiner Erzählung als kleinlich hat abtun lassen: Wer so daherkommt, braucht das Geld sicher tatsächlich. Wenn auch die Dringlichkeit in diesem Fall wohl plausibler durch Drogen (bzw. deren Entzug) zu erklären wäre, als durch das Bedürfnis nach einem Busticket in eine Stadt, in der Drogen sicher viel teurer sind als in Berlin. (Das würde nebenbei auch seine rhetorischen Fragen beantworten: „Why would I lie to you? Why would I come to Berlin only to embarass myself?“ Na ja, warum kommen Leute sonst so nach Berlin?) Das ist zwar ein Zweck, den ich wissentlich nicht hätte unterstützen wollen, aber auch für diesen Zweck lässt sich wohl sagen, dass der vermutlich unter Entzugserscheinungen Leidende die zehn Euro in gewisser Weise dringender gebraucht hat als ich. Ich habe sie ja ohnehin bewusst aufs Spiel gesetzt und hätte sie sonst nur dazu verwenden müssen, meine Bibliotheksschulden zu bezahlen. (Auf diesem Weg war ich nämlich gerade.) Das ist, wenn man die Idiotie des Leihfristüberziehens mit dazurechnet, auch nur marginal sinnvoller.

Es ist also wohl nicht wirklich schlimm, ihm die zehn Euro gegeben zu haben, die kann man nämlich auch jederzeit für noch größeren Unsinn ausgeben. Was mich, glaube ich, in der Folge am meisten, vielleicht sogar als einziges getroffen hat, ist die einigermaßene Demütigung, betrogen worden zu sein (zumindest noch ein bisschen) – nicht um mein Geld, das war mir ja nicht so wichtig, sondern gewissermaßen um meine Hilfsbereitschaft. Aber die ist ja zum Glück letztlich nicht monetarisierbar. Und mit ein klein wenig mehr Nachdenken und mit dieser Erfahrung im Rücken beim nächsten Mal hoffentlich sinnvoller einsetzbar.

Zum Abschluss noch einmal der Hinweis auf dieses sehr gute Pro-und-Contra zum Thema Betteln, anlässlich des geplanten Bettel-Verbots in Norwegen. (Ich bin übrigens gegen ein solches Verbot.)

Update 23. 11.

Jetzt steht’s auch in der Süddeutschen!

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2 Gedanken zu „Die Glaubwürdigkeit des Bittstellers

  1. Wally Warning

    Hallo Tom,
    Dein Artikel gefällt mir sehr gut!
    Ich finde ihm fehlt aber noch ein Hinweis darauf, dass es manchmal auch Spaß machen kann, sich behumsen zu lassen.
    1. Wenn derjenige, der mich gerade bemogelt, nicht merkt, dass ich weiß, dass er mich bemogelt, dann ist ja eigentlich er (zumindest auf der Meta-Ebene) der Angeschmierte. Darüber kann man sich (mal ganz abgesehen von der moralischen Überlegenheit, die uns aus dieser Art von Situationen erwächst, die uns aber meistens nicht zufrieden sondern seltsamerweise eher ärgerlich macht) in seltenen Momenten von Herzen freuen (auch wenn das dann wahrscheinlich wieder unmoralisch ist…). Im Schopenhauerschen Sinne („Handlungen sind von moralischem Wert, wenn sie ohne egoistische Motive sind.“) müsste es doch eigentlich moralischer sein, wenn ich bei meiner guten Tat billigend in Kauf nehme, dass ich bemogelt werde, und meine gute Tat dann vielleicht gar keine gute Tat ist… naja, wer (außer Dir vielleicht) soll sich denn da noch auskennen mit dieser vertrackten Moralphilosophie.
    2. Eine gut ausgedachte Geschichte, welche von einem erfahrenen Erzähler (Schauspieler) mit Enthusiasmus und Überzeugungskraft vorgetragen wird, darf mir doch auch mal ein paar Euro wert sein, oder? Beschwere ich mich denn etwa nach dem Kinobesuch lauthals darüber, dass es sich bei Fargo gar nicht (wie im Vorspann übrigens arglistig behauptet) um die Verfilmung einer wahren Geschichte handelt, sondern dass alles (wie dann im Abspann in scheinheiliger Ehrlichkeit eingestanden) frei erfunden ist??? Nun magst Du einwenden, dass ich im Falle von Fargo für meine 10 Euro (was kostet das Kino in Berlin) immerhin 98 Minuten Unterhaltung erhalten habe, wohingegen Du bestimmt viel kürzer auf den nächsten Zug gewartet hast. Auf der anderen Seite wirst Du aber auch zugeben müssen, dass die Gebrüder Coen mir für meine 10 Euro weder eine persönliche Privatvorstellung mit echten Schauspielern noch irgendeine Gelegenheit zum Äußern spitzfindiger und inquisitorischer Fragen über die Hintergründe der (übrigens auch nicht sonderlich glaubhaften) Handlung geboten haben, oder?

    Auf jeden Fall fühle ich mich durch Deine Kolumne (, die irgendwie eines schmissigen Kolumnen-Titels würdig wäre) immer gut unterhalten und zu angenehm verwirrenden Überlegungen angestiftet.

    Liebe Grüße
    Walther

    PS.: Darf ich Dir übrigens die nun fehlenden 10 Euro zur Begleichung Deiner Bibliotheksschulden schicken? Oder war Deine Geschichte nur ausgedacht? Egal, sie wäre mir die 10 Euro wert!!!

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  2. Tom Wohlfarth Autor

    Lieber Wally,

    vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!
    Ich finde auch, der Spaß (in diesem Fall darüber, „sich behumsen zu lassen“) sollte eigentlich immer eine große Rolle spielen, auch in der Moral(philosophie). Ich habe das Ganze ja auch etwas spielerisch aufgefasst (denn die Geschichte ist tatsächlich nicht ausgedacht, auch wenn das, wie du ja andeutest, auch meiner Meinung nach für eine Geschichte nicht besonders wichtig ist).
    Die Schopenhauersche Definition von Moral finde ich ganz gut, nur würde ich sie auch formal noch auf den anderen und nicht auf das selbst beziehen, also etwa: sie sollte dem anderen nie zugleich auch schaden (wollen), oder so ähnlich. In diesem Fall darf man sich sehr wohl darüber freuen, dass man die Mogelei durchschaut, man sollte allerdings den anderen dabei nicht wissen lassen, dass man sich ihm dadurch überlegen fühlt. Ob man sich ihm überhaupt überlegen fühlen sollte, steht dann hier allerdings auf einem anderen Blatt. Man könnte das bezweifeln, indem man sagt, man könne dem anderen sicher noch besser helfen, wenn man sich ihm nicht überlegen fühlte.
    Die Moral ganz überwinden wollte übrigens Schopenhauers Schüler Nietzsche. Das Ergebnis sollte dann allerdings nicht unmoralisch sein, sondern „außermoralisch“ (vgl. „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“, heute würde man vielleicht auch „transmoralisch“ sagen), „jenseits von Gut und Böse“, weil diese Unterscheidung nicht immer die sinnvollste menschliche Handlung ist und letztlich sogar meist genau umgekehrt funktioniert. Wichtig ist in dem Fall natürlich, dass man die Situation einigermaßen durchschaut.
    Ich habe meine Situation ja leider noch ein bisschen zu wenig durchschaut. Andernfalls hätte ich meinem Gegenüber am liebsten geholfen, seine Geschichte noch weiter zu verfeinern, und hätte ihm damit sicher noch effektiver geholfen.

    Für meine (aktuellen und zukünftigen, am besten aber auch für meine vergangenen) Bibliotheksschulden sollte ich tatsächlich eine Crowd-Funding-Plattform einrichten.

    Zum Titel meiner „Kolumne“: Schon allein, dass Du das Wort Kolumne benutzt, gefällt mir, und macht es tatsächlich auch leichter, über einen solchen Titel nachzudenken. Vorschläge sind immer willkommen!

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