„If only Bradley’s arm was longer“ – Das Selfie zwischen Narzissmus und Gemeinschaftsstiftung

Bild im Bild - Ein Rekord wird gemacht

Bild im Bild – Ein Rekord wird gemacht

Das Selfie darf wohl als ein perfekter Ausdruck unserer narzisstischen Gesellschaft gelten. Wir brauchen kein Gegenüber mehr, das uns ansehen und fotografieren mag; es reicht, wenn wir uns selbst ansehen und fotografieren. Und irgendwer im weltweiten Gewebe wird uns dann schon auch noch sehen, ob er mag oder nicht. Doch womöglich ist unser Narzissmuss eine Erbschaft aus Urzeiten. Denn derzeit wird anhand des Selfies eines Affen unter anderem die Frage diskutiert, ob Tiere ein Urheberrecht haben können. Dabei dürfte die Handvoll gelungener Bilder aus mehreren hundert unscharfen, die 2011 ein Schopfmakake im indonesischen Urwald mit der Kamera des Fotografen David Slater geschossen hatte, Zufallstreffer gewesen sein. Posiert hätten die Affen laut Slater trotzdem. (Eindeutig in Pose werfen sich übrigens die Menschen, die Selfies im KZ machen.)

Zurück zu unserer Spezies, ist es aber sicher kein Zufall, dass es gerade ein Selfie ist, das im März diesen Jahres nicht nur als erster Tweet überhaupt die Millionenmarke an Retweets knackte (und das innerhalb nur einer Stunde), sondern diese Marke gleich noch verdreifachte und bis heute mit gigantischem Abstand den Twitter-Rekord für die meisten Retweets hält. Es handelt sich um das Foto, das Gastgeberin Ellen DeGeneres bei der diesjährigen Oscar-Verleihung allerdings explizit zu eben diesem Zweck erst nur von sich und Meryl Streep machen wollte, dann aber immer mehr Stars ins Bild holte, darunter Julia Roberts, Brad Pitt und Jennifer Lawrence sowie eine große Handvoll weitere, die sich auf das Bild drängten, bis auch wirklich niemand mehr drauf passte und schließlich Bradley Cooper auf den Auslöser drückte. (Zum Urheberrecht dieses Bildes siehe hier.) Dieses Foto, das DeGeneres schließlich mit den Worten „If only Bradley’s arm was longer. Best foto ever“ auf ihrer Twitter-Seite teilte, wurde von dort innerhalb weniger Tage fast dreieinhalb Millionen mal weiterverbreitet. Auf dem zweiten Platz der meisten Retweets liegt jetzt völlig abgeschlagen der bisherige Spitzenreiter Barack Obama mit seinem Post am Tag seiner Wiederwahl 2012, der gerade einmal von 770.000 geretweetet wurde.

Klar, könnte man sagen, Selfies sind ja auch allgegenwärtig. Doch das gilt ganz und gar nicht für die damalige Top Ten der meisten Retweets. In ihr befindet sich nur ein weiteres Selfie, es zeigt die Schauspielerin Lea Michele mit ihrem ehemaligen Schauspiel- und Lebenspartner Cory Monteith, der kurz zuvor gestorben war. Den Rest bilden zwei weitere Fotos, zwei Screenshots von Twitter Direktnachrichten und vier weitere reine Textnachrichten. Diese machen also die größte Gruppe in der Liste aus. Eine ebenso große Gruppe bilden übrigens Posts von Mitgliedern der Boyband One Direction, sie sind also wohl eher das eigentlich Allgegenwärtige dieser Liste. Ebenso könnte man aber auch argumentieren, dass die beiden Selfies der Liste im Grunde keine – jedenfalls nicht im Sinne der Diagnose Narzissmus – echten Selfies sind. Denn sie zeigen beide nicht nur die eine sich selbst fotografierende Person. Dadurch ergeben sich offenbar zwei eigene Untergenres: das Pärchen-Selfie und das Gruppen-Selfie (außerdem beider Nebenform des Fan-Selfies).

Das Gruppen-Selfie scheint sich auf den ersten Blick dadurch auszuzeichnen, dass es Gemeinschaft stiftet. Denn es schließt theoretisch niemanden mehr aus, der das Foto noch schießen müsste. Freilich zeigt das Oscar-Selfie eine zu einem bestimmten Zweck handverlesene, also demonstrativ exklusive Gruppe. Diese Exklusivität wird durch die besagte Inklusivität nur noch untermauert, indem die Gruppe sich (im Grunde völlig unnötigerweise) selbst fotografiert, während bereits ein Dutzend hochwertigerer Kameras auf sie gerichtet ist. Dieses Zusammenspiel von Inklusion und Exklusion wird nicht zuletzt auch dadurch gesichert, dass Bradleys Arm eben nun mal nicht länger ist.

Promi-Selfies stehen generell unter einem interessanten Paradoxon. Das Oscar-Selfie, mit der weltweiten Fernseh-Übertragung seiner Entstehung (eine Kamera nimmt Menschen dabei auf, wie sie sich selbst aufnehmen), demonstriert es nur besonders anschaulich. Aber auch wann immer etwa Justin Bieber oder Miley Cyrus ein neues Selfie von sich schießen, stehen vermutlich fünf Bodyguards hinter der Kamera, die das Bild genauso gut, nein wohl viel besser hätten machen können. Aber das Selfie erzeugt in diesem Fall eine Illusion von Intimität, von Privatheit, die gerade Showbizz-Stars ja nahezu nie haben und vermutlich höllisch vermissen. Aber der Moment allein mit der Kamera, egal wie viele Menschen außen herum stehen, verbürgt im Auge des virtuellen Betrachters die virtuelle Intimität dieses Moments. Umgekehrt ist es dagegen oft im Fall der Normalsterblichen. Für sie ist das Selfie in Kombination mit sozialen Netzwerken ein Instrument, ihre tatsächliche Unsichtbarkeit zu überwinden, und nicht um umgekehrt deren Illusion herzustellen. Und beim ’normalen‘ Grupppenselfie ist es wohl auch nicht weiter schlimm, wenn Inklusion das Exklusivitätsgefühl steigert.

Aber ist das wirklich das Entscheidende? Beides könnte auch der Selbstauslöser leisten. Doch das Smartphone-Selfie ermöglicht das Schießen eines Selbstporträts (allein oder mit anderen) geradezu als eine Art erweiterte Körperfunktion, mit minimalstem Aufwand, und ohne sein Lieblingsspielzeug aus der Hand legen zu müssen. Es geht beim Selfie ja eben nicht darum, dass gerade niemand zweites oder drittes anwesend ist, um das Foto zu machen, oder kein Ort verfügbar, von dem aus man den Selbstauslöser aktivieren könnte. Das Spezifische am Phänomen Selfie lässt sich, wie angedeutet, vielleicht am besten dadurch beschreiben, dass wir es selbst machen, obwohl es jemand anders besser machen könnte. Darin liegt offenkundig ein gewisses parasoziales Element: dass wir Fotos von uns machen, um sie mit Millionen Menschen im ’sozialen‘ Netzwerk zu teilen, aber es nicht fertigbringen, jemand anderen, der neben uns gerade auch ein Foto von sich auf der Karlsbrücke macht, zu fragen, ob er nicht auch noch eins von uns machen könnte.

Das Selfie bleibt also ein ambivalentes Phänomen. Wer kein besonders hohes Selbstwertgefühl hat, dem steht ein wenig Narzissmus gut zu Gesichte. Wer bereits hochgradig narzisstisch ist und allen Grund für ein hohes Selbstwertgefühl hat, kann das Prinzip Selfie sehr schnell überreizen. Da würde auch ein längerer Arm nichts nützen, wenn man nicht mehr bereit ist, sein Handy auch mal wieder aus der Hand zu geben.

But first, let me take a #Suglie!

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