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„Tom Wohlfarth fordert die Abschaffung des Journalismus!“

Es ist doch immer wieder spannend zu sehen, wie einige Arten von Journalismus funktionieren. Im Gespräch mit dem Spiegel etwa äußerte kürzlich Margot Käßmann einen utopischen Wunsch: „Ich fände es gut, wenn die Bundesrepublik auf eine Armee verzichten könnte wie etwa Costa Rica.“ Ihr sei aber zugleich auch selbst klar, dass dieser Wunsch momentan utopisch sei. Aus einer also bewusst utopischen Wunschäußerung macht der Spiegel dann ein Aussprechen „für eine Abschaffung der Bundeswehr“. Einige andere Medien, etwa der NDR, verschärfen das ‚Aussprechen‘ zu einem ‚Fordern‘; die Huffington Post stellt noch einen Käßmann disqualifizierenden Satz an den Anfang – den einzigen, den man dann im Facebook-Posting, dem üblichen Verbreitungskanal, noch sehen wird – (den Rest schreibt auch sie natürlich einfach ab), und tadaa: Alle diskutieren nur noch über die Überschrift, die mit dem tatsächlich zitierten Käßmann-Wortlaut nicht mehr viel zu tun hat. Aber Hauptsache, man kann sich sofort darüber aufregen.

Dabei ist Käßmanns Wunsch, so unrealistisch er erklärtermaßen sein mag, ALS bloßer Wunsch doch völlig naheliegend. Würden wir uns nicht alle eine Welt ohne Kriege WÜNSCHEN? Man kann das tun und gleichzeitig GEGEN eine Abschaffung der Bundeswehr argumentieren. So habe ich es etwa neulich gegenüber einer Freundin getan. Sie fordert nämlich tatsächlich die Abschaffung der Bundeswehr, ich kenne also den Unterschied.

Und man kann schließlich auch Jounalismus kritisieren, ohne gleich seine Abschaffung fordern zu müssen. Oder?

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Von Nebenformen menschlicher Geisteskrankheit

Jäger oder Gejagte? © ZDF

Jäger oder Gejagte? © ZDF

Da mich mein aktueller Artikel noch eine Weile beschäftigen wird, hier ein etwas älterer Text. Der Aufhänger ist nicht mehr ganz aktuell, das Thema umso mehr.

Neulich wurde ich Zeuge, wie ein ehemaliger Klassenkamerad einer gemeinsamen Facebook-Freundin diese Freundschaft in aller Öffentlichkeit gekündigt hat. Grund war ihr Posting einer Petition gegen „tendenziöse Berichterstattung beim ZDF“ anlässlich einer kritischen Dokumentation über den Jägerstand. Sie trug den Titel „Jäger in der Falle“ und prangerte vornehmlich die angeblich gängige Praxis unter Jägern an, Wildtiere gezielt anzufüttern, um eine bessere Jagdtausbeute zu erzielen, und dadurch den Regulierungsauftrag zu unterlaufen. Laut Petition habe der Beitrag gegen die staatsvertragliche Verpflichtung des öffentlich-rechtichen Rundfunks zu objektiver, ausgewogener Berichterstattung sowie gegen die Sorgfaltspflicht gemäß Pressekodex verstoßen. Für unseren tierrechtsaktiven Klassenkameraden aber sind Jäger objektiv „Lustmörder“ und er könne mit niemandem „befreundet“ sein, der das anzweifelt. Seine Sicht belegte er mit einem Zitat von Theodor Heuss: „Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf. Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit.“ Wie man über das erste Google-Suchergebnis auf Wikiquote feststellen kann, ist dieses Zitat verfälscht. Nur der zweite Satz stammt von Heuss, er lautet vollständig: „Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit, von der ich nie befallen war.“ Der erste Satz des montierten Zitats aber sei „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Erfindung eines Tierrechtsaktivisten“.

Mir scheint nun aber Weiterlesen