Von Tauben und Bettlern

Weil es so gut zum Thema des letzten Beitrags passt, hier noch ein ganz kleiner älterer Text vom vergangenen Sommer:

Heute morgen, unter der S-Bahn-Brücke Neukölln, steht ein alter Mann, vermutlich türkischer oder arabischer Herkunft, halb auf seinen Stock gestützt, halb seitlich an die Wand gelehnt und wirft, wie verstohlen, aber vor aller Augen und über den gesamten Gehsteig aus einer Plastiktüte viel zu große Brotstücke für eine Taube an den Straßenrand. Zehn Meter weiter sitzt, heute wie jeden Tag, eine Obdachlose und bettelt um Essen und Geld. Der Mann sieht direkt in ihre Richtung. Selbst wenn man die ökologische Problematik des Taubenfütterns nicht kennt, könnte man diese Szenerie kaum absurder finden: Brot für ohnehin schon hoffnungslos eutrophierte Tauben, die den öffentlichen Raum zuscheißen, während ein Mensch daneben hungert.
Als ich an der Ampel stehe, sehe ich, dass der Mann jetzt in Richtung der Bettlerin geht. Ich bleibe stehen und warte, was passiert. Er geht nicht vorbei. Er spricht mit ihr. Und dann gibt er ihr die ganze Tüte Brötchen. Auch wenn man ihm das mit den Tauben nochmal erklären muss (und hier wäre natürlich zum Beispiel ich der in der Pflicht stehende, trotzdem vorbeigehende Arsch), ist die Hoffnung für die Menschheit noch nicht ganz verloren.

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